Dienstag, 12. Mai 2009

8. VO – 12. Mai 2009 – Erich Lessing

Kindheit und Jugend

Erich Lessing wurde 1923 in Wien geboren. Er war Mitglied der Sozialistischen Jugend, die ab 1934, im austrofaschistischen Ständestaat, illegalisiert war. Das Verhältnis zwischen illegalen Sozialisten und Ständestaatlern war aber dennoch besser als etwa zwischen illegalen "Hakenkreuzlern" und Sozialisten. Lessing beherrscht noch heute, wie er stolz erzählte, die Technik, aus auf Hauswänden und Mauern gemalten Hakenkreuzen ein "verkehrtes" SDAP zu zeichnen - und zwar mit den Händen hinter dem Rücken.

Von der Politik des Ständestaats war seine Familie direkt betroffen, und zwar aufgrund des sogenannten "Doppelverdienergesetzes". Dieses besagte, dass in Ehepaaren, in denen beide Partner berufstätig sind, einer auf die Ausübung seines Berufes verzichten musste. Sein Vater war Zahnarzt, die Mutter Konzertpianistin. Wer von den beiden nun den Beruf aufgeben musste, weiß ich leider nicht mehr. Diese Methode der "Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" im Ständestaat schlug sich direkt auf das Haushaltseinkommen der Lessings durch.

Seine Eltern beschrieb Lessing als "überzeugte Juden". Jüdische Traditionen, Bräuche, Feste wurden eingehalten, gelebt, jedoch nicht orthodox. Man feierte Hanukkah, Bar Mizwa, Sukkot usw. Lessing trat als Kind auch der Schwimmsektion der Hakoah bei. Der Religionsunterricht in der Schule sah so aus, dass alle jüdischen Kinder des Gymnasiums in einer Klasse gemeinsam unterrichtet wurden. Zumindest ab 1936 war dies allerdings mehr Unterricht in jüdischer Geschichte, als religiöser oder zionistischer Unterricht, da der Lehrer eigentlich Mathematiker war, der aus irgendwelchen Gründen nicht Mathematik unterrichten durfte.

Nach dem Anschluss 1938 wurden alle jüdischen Gymnasiasten des 7., 8. und 9. Bezirks zum Religionsunterricht (oder generell?) im RG 8 in der Albertgasse zusammengefasst. Allerdings auch nur vorübergehend, denn bald darauf wurde Juden der Schulbesuch verboten. Bis zur Ausreise 1939 wurden Lessing allerdings noch einige Steine in den Weg gelegt.

Nach dem Anschluss: Trennung von der Familie, Flucht nach Haifa

Dass die Familie auswandern sollte, war vermutlich erst nach dem Novemberpogrom 1938 allen so richtig klar. Denn erst Ende 1938 begannen Lessings Anstrengungen, aus Wien auszureisen. Zu diesem Zeitpunkt machten es die Nationalsozialisten Ausreisewilligen aber schon ungleich schwerer, als in den ersten Monaten nach dem Anschluss. Nach dem Novemberpogrom wurde schlagartig alles anders, alles schlimmer. Persönliche Beziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden, im Fall der Familie Lessing etwa, wenn es um einen amtlichen Stempel für irgendwelche Dokumente ging (konkret: Bei Adolf Brunner - nicht ident mit dem Kriegsverbrecher Adolf Brunner - der in der Prinz-Eugen-Straße offenbar wichtige Stempel verteilte und irgendwie mit den Lessings bekannt war, wodurch das ganze reibungslos und rasch, ohne Schikanen, vonstatten ging), funktionierten spätestens ab 1939 nicht mehr, da wohl keine Kulanz, keine Ausnahmen mehr geduldet wurden. Auch bei der Gauleitung war nach dem Novemberpogrom eine Radikalisierung bemerkbar, so Lessing. Denn während des Pogroms machte sich diese noch Sorgen, dass "so viel" zerstört wird (wohl vor allem in Bezug auf Geschäfte oder Wohnungen und weniger wegen der Synagogen), wenig später war es schon egal, was im Zuge der Judenverfolgung alles zerstört wird.

Dass Lessing ein Jahr warten musste, bis er legal auswandern konnte, ist jedenfalls Schikanen der Nazi-Bürokratie zu verdanken. Denn für einen gültigen Pass benötigte man zwei gültige Dokumente: nämlich eines über die "Judenvermögensabgabe" und ein anderes, dass man keine Schulden hinterlässt (wenn ich das richtig verstanden habe). Beide Dokumente galten jedoch nur 14 Tage, aber die Wartezeit für das zweite Dokument (das man offenbar erst bekommen konnte, wenn das erste vorgelegt wurde), betrug mindestens so lange, als dass das erste Dokument bereits wieder abgelaufen war. Man hatte also, so Lessing, nie zwei gültige Dokumente gleichzeitig in der Hand und kam so nie zu seinem Pass, den man zur Ausreise benötigte. Offenbar war es dann doch wieder die Bekanntschaft mit einem Notar, Dr. Harrandt, die es Lessing ermöglichte, rechtzeitig zu seinem Pass zu kommen und Wien bei wohl einer der letzten Gelegenheiten im Dezember 1939 zu verlassen. In Lessings Fall war es, um genau zu sein, ein "Schülerzertifikat", das von der Jewish Agency ausgestellt wurde, mit dem er ausreisen konnte.

Er fuhr mit dem Zug nach Triest, von wo aus es mit der "Galilea" nach Haifa weiterging. Er fuhr alleine, denn seine Mutter wollte ihn Wien bleiben, um ihre Mutter nicht alleine zu lassen. Was mit dem Vater passierte ist mir leider entgangen, doch dürfte der diese Zeit bereits nicht mehr erlebt haben. Zudem hatte Lessing einen Onkel in Wien, der eine Mühle besaß, das Unternehmen "Brach & Lessing". Dieser hinterließ Lessing ein Legat - mehr erfuhren wir auch hiervon nicht.

Bis 1942 bekam er über das Rote Kreuz Telegramme von seiner Mutter, dann brach der Kontakt ab. Durch Recherchen seiner Tochter Hannah erfuhr er von ihrem Schicksal in den Konzentrationslagern.

Zeit in Palästina / Israel

Im damaligen Mandatsgebiet Palästina ging Lessing in einen Kibbuz, bei Beit Sha'ar, wenn ich es richtig verstanden hab (und wovon es, laut den mir möglichen Recherchen auf deutsch und englisch, zumindest zwei gibt). Es war jedenfalls "bürgerlich-zionistisch" und Lessings Aufgabe war dort, auf einem nahe gelegenen Berg auf die korrekte Teilung der Quelle zwischen drei israelischen Dörfern und einem palästinensischen Dorf aufzupassen. So saß er dort viele Stunden und verbrachte die Zeit mit lesen. Die übrige Zeit hat er Fischteiche vermessen. Den Kibbuz, zumindest jedenfalls die Teiche, gibt es heute noch, es sind sogar noch sehr viele dazugekommen. Viel gelesen hat er dann auch während seiner Zeit als Taxifahrer in Haifa (oder Tel Aviv?), wenn zu manchen Tageszeiten wenig Kundschaft da war. Mit der Fotografie ist er erst 1950 berufsmäßig in Kontakt gekommen. Seine erste Kamera hatte er zwar schon zu seiner Bar Mizwa in Wien, als er 13 war, bekommen. Doch mehr oder weniger professionell eingesetzt hat er sie erst ab seiner Zeit als Fallschirmjäger beim britischen Militär (er fotografierte aus dem Flugzeug heraus, möglicherweise sogar bei seinen Sprüngen, obwohl das ein ziemlicher "Kasten" war - einmal ist sie ihm dann bei einer unsanften Landung auch kaputt gegangen).

Rückkehr nach Österreich

Sein erster Eindruck bei der Rückkehr nach Österreich – wiederum über Triest und dann mit dem Zug nach Wien – war folgender: Bei der Passkontrolle an der österreichischen Grenze nahm der Beamte den britischen Pass von Erich Lessing zu sich, schaute ihn an, lächelte mild, gab den Pass zurück, und verschwand ebenso wortlos wie die ganze Prozedur abgelaufen ist. Das war, so Lessing, wie ein versteckter Willkommensgruß für ihn.

Auch mit der Rückkehr nach Wien, woraus er etwa 8 Jahre zuvor fliehen musste, hatte er nicht wirklich ein Problem. Er traf einige nette Leute, wie etwa den sozialdemokratischen Hausmeister von einst, wieder, was schöne Erfahrungen waren. Aber er traf auch Leute, die er aus 1938/39 unangenehm in Erinnerung hatte. Die Wohnung, in der Lessing vor der Flucht lebte, war mittlerweile von jemand anderem bewohnt. Er versuchte gar nicht, sie zurückzubekommen. Doch er suchte seine alten Möbel – und fand sie in den Geschäften der Umgebung: Beim Kohlenhändler, beim Gemüsehändler usw. Die hat er zurückbekommen – er hat sie abholen lassen, wie er sagte.

Dass er nach Österreich zurückgekehrt ist, ist im Grunde nur dem Umstand zu verdanken, dass es ungleich schwieriger war, ein Visum für Frankreich (er wollte seine Fotografie in Paris professionalisieren) zu bekommen, als mit britischem Pass ins teils britisch besetzte Österreich einzureisen. Er fragte dann bei allen Agenturen in Wien, ob sie einen Fotografen benötigen. Er konnte zwar noch nicht gut fotografieren, wie er uns erzählte, aber: "die anderen auch nicht". Er fand eine Stelle bei Associated Press, wo er auch seine spätere Frau Traudl kennenlernte - eine Christin, die später, bevor die Kinder kamen, zum Judentum übergetreten ist (musste eine Mikwe machen, sozusagen ein "Taufbad" im "Tauchbad").

Sein Höhepunkt als Fotograf – zumindest seine erfolgreichsten und bekanntesten Fotos – waren ja die Fotos vom Ungarn-Aufstand 1956. Dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war liege daran, dass er schon die ganze Zeit gespürt hat, das was passieren wird. Die Stimmung, die Spannung im Volk habe dies gezeigt. Und als die Sowjets sich nach dem Aufstand in Ungarn zurückzogen, habe er schon nicht glauben können, dass die sich das gefallen lassen. Er ist also mit dem Auto den Truppentransportern bis an die Grenze nachgefahren – und nach der Grenze waren auch schon große Lager und Panzer, die offenbar nur auf einen Einsatzbefehl warteten. Lessing kehrte also nach Budapest zurück und verkündete seine Einschätzung, die Russen würden wieder kommen. Aber niemand konnte oder wollte das glauben, bis es dann eben doch geschah. So kam es, dass Lessing offenbar der einzige Fotograf war, der Bilder von der Niederschlagung des Aufstands in Budapest liefern konnte. Noch bevor alles vorbei war, war er schon wieder in Wien, und die Fotos traten ihre Reise um die Welt an.

Lessing blieb dann jedenfalls in Österreich und ließ sich auch, obwohl eher areligiös, "brav" bei der IKG registrieren, weil "es sich gehört". Im Laufe der Jahre hat er sich auch angewohnt, "wenigstens zu den hohen Feiertagen" in die Synagoge zu gehen.



Jüdische Identität

Auch wenn sich Lessing eher als areligiös bezeichnet und, wie gerade erwähnt, sich erst später mit regelmäßigen Synagogenbesuchen anfreunden konnte, bezeichnet er sich als "überzeugter Jude". Denn: "überzeugter Jude sein hat nichts mit Religion zu tun" (Zitat Lessing).

Er erzählte auch eine Anekdote von seiner Tochter, Hannah Lessing, die als Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus eine Rede im Parlament halten sollte. Sie arbeitete an der Rede und kam dann mit folgender Frage zu ihrem Vater: Bin ich eigentlich österreichische Jüdin oder jüdische Österreicherin? Eine klare Antwort konnte ihr Erich auch nicht geben: Eigentlich beides, kommt drauf an, mit wem du sprichst. Was die Religiösität in der Familie betrifft, meint Lessing, es sei eine "schizophrene Familie": Hälfte/Hälfte. Tochter Hannah lebt eher religiös und isst koscher, die andere Tochter wiederum nicht.

Zu Israel befragt ("Wie stehst du heute zu Israel?"), musste Lessing erst mal ca. 10 Sekunden schweigen – es fiel ihm kein Wort, kein Satz ein, den er sagen sollte. Nach mehreren Versuchen, ein Wort hervorzubringen, meinte er dann jedenfalls, er, bzw. "man", mischt sich nicht in die Angelegenheit anderer Länder ein – "auch wenn man eine gewisse Affinität dazu hat". Und was den Gaza-Krieg betrifft: Israel habe aus dem Libanon-Krieg dazu gelernt, so Lessing. Denn auf beiden Seiten gab es nur sehr wenig Verluste. Israel habe versucht, sowohl unter der palästinensischen Zivilbevölkerung als auch unter den eigenen Soldaten Verluste so gut wie möglich zu vermeiden.

Zu Kreisky-Wiesenthal

Auch Erich Lessing kannte Kreisky persönlich. Er hat ihn eher positiv in Erinnerung, Kreisky sei etwa ein sehr guter Witzeerzähler gewesen. Die Kreisky-Wiesenthal-Affäre war aber auch für ihn "keines der schöneren Ereignisse" war. Der Grund für die heftige Konfrontation zwischen beiden liegt für Lessing auch darin begründet, dass beides "schwierige Persönlichkeiten" waren, die sich einfach "nicht verstehen" wollten. Kreisky habe charakterlich eher die Einstellung des assimilierten bürgerlichen Wiener Judentums der 20er-Jahre weitergetragen, wie etwa ein Otto Bauer, Victor Adler u.a. Er habe sich entschieden, ein europäischer Jude zu sein – so Lessing über Kreisky.

Interessante Aussagen machte Lessing zum Verhältnis zwischen Kreisky und Israel. So gab Kreisky ja den Forderungen der Terroristen nach, die die Auflassung des Zwischenlagers Schönau (Gemeinde Marchegg) in Österreich forderten, wo russische Juden auf die Ausreise nach Israel warteten. Die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir reiste daraufhin eigens nach Wien, um Kreisky davon abzuhalten, den Terroristen nachzugeben, und versuchte ihn zu diesem Zweck an "sein Judentum" zu erinnern. Kreisky ließ sich darauf jedoch nicht ein (sein Judentum sei in diesem Fall "bedeutungslos") und schloss das Lager trotzdem. Die Auswanderung russischer Juden aus der Sowjetunion nach Israel lief im übrigen auch weiterhin über Österreich.

Und was die Affäre Wiesenthal-Kreisky betrifft, so sei Kreiskys Aufregung über Wiesenthals Aufdeckungen und Anschuldigungen auch damit zu erklären, dass Kreisky Peter (Friedrich Peter, Vizekanzler, FPÖ) gebraucht habe, und zwar nicht nur, um Bundeskanzler zu werden. Kreisky soll auch ein Interesse gehabt haben, so Lessing, dass Peter und die FPÖ pro-israelisch gestimmt wird. Man wollte "den Liberalen" Peter dahingehend stärken und benutzen, um die FPÖ zu einer liberalen Partei zu machen. Auch Israel hat diese Interessen mitgetragen und unterstützt. So hat es etwa bei Lessing ein Essen mit dem israelischen Botschafter und Peter gegeben. Wiesenthals Anschuldigungen haben aber alle Bemühungen "konterkariert" und alles zunichte gemacht. "Hätte die Politik funktioniert, hätten wir heute kein Strache-Problem", so die äußerst interessanten Äußerungen Lessings über Kreisky, Wiesenthal, Peter und Israel.

Zu Waldheim und Antisemitismus heute

Das Verhältnis zwischen Lessing und Waldheim war "uninteressant – Waldheim war ein uninteressanter Mensch". Ob die "Kampagne" gegen Waldheim den Antisemitismus gefördert habe? "Wie man's tut is' falsch." "Totschweigen" wär auch keine bessere Lösung gewesen.

Zu den kommenden Wahlen: Die Entwicklung rund um Strache und die FPÖ sei schlimm, die kommenden Wahlen werden zeigen, "was los ist". Jedenfalls war Lessing "da Haider 10 mal lieber als der Strache; der war wenigstens Opportunist."

Und zum heutigen Antisemitismus, bzw. dem Antisemitismus generell: "Antisemitismus hat nichts mit Juden zu tun." (in Bezug darauf, dass es Antisemitismus auch in Regionen gibt, wo gar keine Juden leben oder je irgendeinen Einfluss ausgeübt hätten – Stichwort: "Antisemitismus ohne Juden"). In Vorarlberg, so Lessing, sei es 10 mal wahrscheinlicher von einem Auto überfahren zu werden, als einem Juden die Hand schütteln zu müssen.

7. VO – 5. Mai 2009 – Paul Chaim Eisenberg

Paul Chaim Eisenberg ist seit 1983 Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) in Wien. Ursprünglich wollte Eisenberg Mathematiker werden, was er auch studierte, doch schließlich ging der Traum eines jeden Rabbiners in Erfüllung – ein Traum, den Bischöfe nicht haben können: Der Sohn wird Nachfolger. 35 Jahre lang, von 1948 bis zu seinem Tod 1983, war Paul Eisenbergs Vater, Akiba Eisenberg, Oberrabiner von Wien.

Wie bereits im Vergleich mit dem Bischof, den Eisenberg so gebracht hat (sinngemäß jedenfalls), angeklungen ist, witzelt er gerne. Stellt ihm jemand eine Frage, so holt er häufig erst einmal aus und erzählt eine Anekdote, die ihren Ursprung entweder in einem der heiligen Bücher, sonstigen Erzählungen oder Überlieferungen oder in persönlichen Erfahrungen oder Beobachtungen liegen. Manchmal tut es auch ein Witz, um den Fragesteller und die Zuhörer auf die Weisheit der folgenden Antwort vorzubereiten. Auch bei einem Interview in der Zeit im vergangenen Februar kam er nicht umhin, eine Frage erst mal mit einem Witz zu beantworten. Das ist einfach seine Art, was seine Anhänger auch sehr schätzen. Der Oberrabbiner, so Eisenberg, muss ja auch nicht der frömmste aller Juden einer Gemeinde sein, er muss nur mit allen mehr oder weniger gut auskommen. Humor ist da sicherlich eine hilfreiche Eigenschaft.



Aber die jüdische Gemeinde Wiens besteht ja nicht nur aus einem Oberrabbiner. Die IKG, die auf das Israelitengesetz von 1890 zurückgeht, ist ja im Grunde nur ein Konstrukt, um die verschiedenen jüdischen Glaubensrichtungen unter einem Dach zu halten – "damit der Kaiser seine Ruhe hat", vermutet Eisenberg – denn sonst wäre womöglich jeden Tag ein anderer Rabbi zu ihm gekommen, um über seine Sorgen zu klagen. Aber so gibt es ein Oberhaupt, das für alle sprechen kann – und interne Streitereien und Uneinigkeiten müssen auch intern geregelt werden.

Die jüdische Gemeinde Wiens, die offiziell nur rund 9.000 Personen umfasst (aber wie IKG-Präsident Muzicant unlängst verraten hat, sind es wohl eher 20.000) zählt daher etwa 10 Rabbiner und 16, 17 Synagogen – wobei Synagoge hier nicht zu bildhaft als großer, eigenständiger Sakralbau verstanden werden darf, sondern, mit Ausnahme des Stadttempels, Bethäuser oder Beträume meint (vgl. auch untenstehende Angaben laut Muzicant: 6 Rabbiner und 14, 15 Bethäuser). Eine Besonderheit Wiens sei, wie auch Muzicant bereits betont hatte, dass alle Strömungen des orthodoxen oder reformierten Judentums unter einem Dach organisiert sind und relativ gut miteinander auskommen. Einzige Ausnahme hierbei ist Or Hadash, eine dem Reformjudentum zuzuordnende, lediglich ein paar Hundert Mitglieder umfassende Gruppe, die sich der Aufgabe verschrieben hat, vom Glauben entfernte Juden wieder näher zur Religion zu bringen. Die Formen der Religionsausübung dürften hierbei wohl noch weiter von Vorstellungen der Orthodoxen entfernt sein, als bei anderen reformierten Gruppen. Jedenfalls haben fast alle anderen Gruppierungen innerhalb der IKG mit Austritt gedroht, sollte Or Hadash aufgenommen werden. Doch unter Eisenberg konnten sich alle auf einen Kompromiss einigen, sodass Or Hadash offiziell nicht der IKG angehört, doch ihre Mitglieder sehr wohl auch IKG-Mitglieder sind bzw. sein können, und die Gruppe auch im Mitteilungsorgan der Israelitischen Kultusgemeinde, der Gemeinde, wie alle anderen Gruppen ihren Platz für Ankündigungen und Mitteilungen hat, und sie benutzen einen Betraum, der ihnen von der IKG zur Verfügung gestellt wurde. Eine Spaltung der Gemeinde, wie dies in Budapest geschehen sei, konnte dadurch verhindert werden. Grundlage des Kompromisses, so Eisenberg: Jeder Jude ist Mitglied der Gemeinde – innerhalb welcher Gruppierungen, ist zweitrangig.

Es ging also vor allem um die jüdische Gemeinde Wiens und Ausprägungen des Judentums. Themen wie Bruno Kreisky oder Kurt Waldheim wurden nicht angesprochen. Wir erfuhren jedoch nocht etwas darüber, wie Vater Akiba den Nationalsozialismus überlebte. Er konnte sich, wie viele andere Juden, darunter auch Landesmann, in Budapest verstecken. Laut Eisenberg habe es in Budapest, dass ja erst sehr spät von den Nazis eingenommen wurde, viele Häuser gegeben, in denen man als Jude relativ sicher war – solange man diese Häuser nicht verlassen hat. Auf diese Weise hätten 60.000 bis 80.000 Juden überlebt – wurden aber in großer Zahl anschließend von den Sowjets nach Sibirien verschleppt. Auch Akiba Eisenberg wurde von den Russen gefasst und in eine Gruppe gesteckt, die vermutlich für den Transport nach Sibirien bestimmt war. Der Offizier war möglicherweise ebenfalls Jude – jedenfalls habe er Akiba aus der Gruppe entfernt, als dieser ihm sagte, er sei Rabbiner. Das war vermutlich seine Rettung.

Freitag, 1. Mai 2009

6. VO – 21. April 2009 – Oscar Bronner

Nach drei Wochen Osterpause kam Oscar Bronner als sechster Gast zu Peter Landesmann. Die allererste Frage lautete dann gleich, wie sein Name nun korrekt geschrieben werde – mit "k" oder mit "c". Mit 'c', da seine Geburt 1943 in Haifa noch in die Zeit des Völkerbundsmandates für Palästina fiel, das unter britischer Kontrolle stand. Weiters las Landesmann eine kurze Biografie Bronners aus der Wikipedia vor. Doch hier sollen prinzipiell nur jene Sachen erwähnt werden, die nicht bereits in der Wikipedia oder an anderen leicht zu findenden Stellen im Internet zu finden sind. Also kommen wir zu Bronners Jugend.

Kindheit und Familie

Bronners Eltern, der spätere Kabarettist Gerhard Bronner und seine spätere Frau, kannten einander bereits aus ihrer Jugend in Wien, die 1938 jedoch unterbrochen wurde. Als Gerhards Eltern von den Nazis verhaftet wurden, flüchtete er alleine zu Verwandten in die Slowakei. Dort verdiente er sich mit Gitarre spielen etwas Taschengeld, bevor er weiter nach Haifa floh. Dort traf er dann jenes Mädchen aus Wien wieder, das er bald heiratete (die beiden waren damals etwa 17, 18 Jahre alt) und deren erster Sohn, wenige Jahre später, Oscar war.

Bronner wuchs zuerst zweisprachig auf, da zuhause deutsch gesprochen wurde, im Kindergarten jedoch hebräisch (Ivrit). Als die Jungfamilie 1948 nach Wien zurückkehrte – vor allem Oscars Mutter wollte dies, um ihre Eltern, die in Shanghai überlebten, wiederzusehen – musste Oscar seine Deutschkenntnisse nachbessern. Also gaben ihm seine Eltern sozusagen privaten Förderunterricht, der so erfolgreich war, dass er danach kaum ein Wort hebräisch mehr konnte.

Als sein Vater einen Job beim deutschen Fernsehen in Hamburg bekam (das war so Ende 1952), übersiedelte die Familie dorthin. Oscar besuchte dort zwei Jahre die Schule, bis sich seine Eltern trennten. Er ging daraufhin fünf Jahre in Bonn, wo seine Mutter nun lebte, in die Schule. Dort war er ein guter Schüler, doch zurück in Österreich hatte er große schulische Schwierigkeiten. Er brach mit 17 die Schule ab, ging arbeiten, besuchte nebenbei auch Uni-Vorlesungen und holte die Matura als Externist nach.

Alles weitere zu seiner Biografie und Karriere, also seine Bekanntschaften mit Qualtinger und Torberg, seine Volontariate bei diversen Zeitungen usw. steht alles anderswo, auch auf einigen Webseiten, gut beschrieben (siehe auch Link am Ende dieses Postings) und wurde hier auch nur stichwortartig erwähnt.

Jüdische Identität

Antisemitische Erfahrungen hat Oscar in Wien nie gemacht. Vater Gerhard war areligiös eingestellt, seine Mutter bestand ebenfalls nicht auf eine religiöse Erziehung. Die Familie, in der er "hineingeboren wurde, war vollkommen areligiös." (Bronner) Also wusste Oscar in der Schule vermutlich genau so wenig wie die meisten seiner Schulkollegen, warum in seinem Zeugnis "mosaisch" stand und was das bedeuten solle. Dass er jüdisch ist, wurde Bronner erst schrittweise bewusst. Ein diesbezügliches Schlüsselerlebnis gab es nicht. Über Judentum, Politik, Palästina oder Israel wurde zuhause nie geredet, obwohl sich Vater Gerhard als Kabarettist zumindest mit der Politik intensiv beschäftigte. Was immer an mir jüdisch ist, mit Religion hat das nichts zu tun. (Bronner) Bronner fand erst später in seinem Leben zu "seinem Judentum" – wohl auch aufgrund seiner Heirat 1988 und den aus dieser Ehe hervorgegangenen zwei Kindern. Dadurch spielen jüdische Feiertage eine gewisse Rolle, aber "sonst nichts".

Zu Israel hat Bronner seit der Rückkehr mit seinen Eltern aus Haifa keine Beziehung mehr. Zur Politik könne er nur sagen, dass Israel "sehr vieles richtig" gemacht habe, und "sehr vieles falsch". Aber "auch die andere Seite hat vieles falsch gemacht".

Zu Kreisky

So, und nun wieder zu den Standards: Beginnen wir mit Kreisky (im Sinner der Chronologie der Befragung). Wie bereits einige der vorherigen Gäste hat auch Bronner persönlich mit Kreisky Bekanntschaft gemacht. Und auch bei ihm ist diese Bekanntschaft der Verwandschaft zu verdanken (wir erinnern uns: Georg Markus kannte Kreisky, weil seine Oma die Nachbarin von Kreiskys Mutter in Brünn war und mit der Familie befreundet war). Bei Bronner ist die Bekanntschaft weniger nachbarschaftlich, denn politisch begründet. Bronners Onkel, ein Oskar, den man vermutlich mit "k" geschrieben hat (da wie dessen Bruder Gerhard wohl in Wien und nicht in einem englisch verwalteten Gebiet geboren), war Sozialdemokrat und mit Bruno Kreisky befreundet.

Die Kreisky-Wiesenthal-Affäre hat Vater Gerhard, ebenfalls Sozialdemokrat, sehr geärgert. Oscar (mit "c") hatte zu dieser Zeit bereits den Profil gegründet, der die Ereignisse verfolgte und kritisierte. In der Vorlesung meinte Bronner: "da hat Kreisky sehr ungut agiert, sagen wir's mal so. [...] wobei Kreisky halt ein sehr komplexes Thema ist", da er ja auch areligiös, insbesondere als Sozialist bzw. Sozialdemokrat, eingestellt war. Die Ideologie dahinter sei eben, so Bronner (sinngemäß), dass die Basis für eine Antisemitismusfreie Welt die soziale Gerechtigkeit ist – Sozialismus statt Religion.

Warum Kreisky die Zusammenarbeit mit Friedrich Peter, dem FPÖ-Chef und ehemaligen Waffen-SS-Mitglied suchte, versucht Bronner mit folgenden Aussagen nachzuvollziehen: Kreisky war während des Austrofaschismus als Sozialist gemeinsam mit illegalen Nazis in Wöllersdorf interniert. Sozialisten und Nazis hatten damals einen gemeinsamen Feind: Die Christlichsozialen. Einer seiner damaligen Haftkollegen half Kreisky nach dem Anschluss 1938 als Nazi bei der Flucht aus Österreich. "Kreisky war halt ein Produkt dieser seltsamen Gemengenlage" (Bronner).

Zu Friedrich Peter wusste Landesmann zudem, dass dieser eher dem liberalen Flügel der Freiheitlichen, der auf die Revolution von 1848 zurückgeht, angehörte, und nicht dem deutschnationalen. Peter habe Landesmann außerdem erzählt, dass er "vom Antisemitismus geheilt" wurde, als er als US-Kriegsgefangener von einem jüdischen Offizier verhört und geohrfeigt wurde. Das habe ihm so imponiert und ihm ein Bild von einem "starken Juden" vermittelt, dass er so noch nie gesehen haben will. So habe er es zumindest Landesmann erzählt.

Zur FPÖ und Haider

Bezüglich den liberalen Wurzeln der FPÖ meinte Landesmann weiters, dass Norbert Steger versucht habe, die FPÖ zur liberalen Partei zu machen – vergleichbar der FDP in Deutschland – damit aber scheiterte und von Haider und dem deutschnationalen Flügel sozusagen "geputscht" wurde. Österreich habe einfach eine zu geringe liberale Tradition, weshalb auch Heide Schmidt, die ja aufgrund des "Putsches" des deutschnationalen Flügels aus der FPÖ austrat und das "Liberale Forum" gründete, sich in der österreichischen Parteienlandschaft nicht etablieren konnte.

Bei irgendeiner Veranstaltung, etwa um 1989/1990, als Haiders Aufstieg begann, hatte Bronner auch mal das "Vergnügen" mit Jörg Haider persönlich Bekanntschaft zu machen. Haider und seine "Buberlpartie" seien plötzlich zielstrebig auf Bronner zugekommen, sodass er nicht mehr habe ausweichen können. Sie gratulierten ihm zu seiner Zeitung (Der Standard wurde ja kurz zuvor, 1988, gegründet) und, geschickt wie Haider im Vereinnahmen von Menschen gewesen ist, habe er sogleich gemeint, er und Bronner hätten sehr viel gemeinsam, denn er, Haider, sei ein liberaler Politiker und Der Standard eine liberale Zeitung. Bronner entgegnete ihm, dass er ihm das nicht glaube, da er ganz andere Dinge von sich gebe, als dass sie auf eine liberale Grundhaltung schließen lassen würden. Haider versicherte daraufhin sofort, das seien Ausrutscher gewesen, rechte Aussagen seien Vergangenheit (und das um 1989/1990!), er werde jetzt liberale Politik betreiben. Bronner meinte wiederum, dass er ihm das nicht glaube. Es kam zu einer Wette, dass Haider nie wieder "rechte Ausrutscher" haben werde – falls doch, schuldet Haider Bronner eine Flasche Champagner. Was nach 1989/1990 noch alles aus Haiders Mund tönte ist hinreichend bekannt. Den Wettgewinn forderte Bronner jedoch nicht mehr ein.

Dass Haider sich als liberaler Politiker vorstellte, kommentiert Bronner damit, dass Haider halt "ein Chamäleon" war. Er wollte immer bei allen beliebt sein, zumindest bei seinen Gesprächspartnern. Er passt sich immer seinem Publikum an, wobei das halt besser mit "rechts" gehe, da er das von zuhause kennt.

Zu Waldheim

Bronner, sinngemäß: Waldheim war ein Opportunist, er war "zum Teil eine tragische Figur". Er wurde vom JWC (Jewish World Congress) mit falschen Vorwürfen konfrontiert, auf die er dann jedoch falsch reagiert habe. Nämlich in einer Weise, die das Unrecht gegen ihn wiederum rechtfertigte. Er war ein "schlichter Denker" und "hat bis zum Ende seines Lebens nicht erkannt", wie er für das Unrecht gegen ihn mitverantwortlich ist.

Wohl als Folge seines "schlichten Denkens" ist zu sehen, dass Waldheim auch zu Bronner Kontakt suchte, da Bronner ja Jude ist und somit wohl irgendwas mit dem JWC zu tun haben müsse.



Kritik am Standard

Eine Frage aus der Zuhörerschaft bezog sich auf Gudrun Harrer, die Nahost-Expertin des Standards. Diese werde ja von jüdischer Seite manchmal als einseitig, eher pro-arabisch und zu israelkritisch oder gar -feindlich bezeichnet. Bronner kann dies nicht nachvollziehen, er sieht keine Einseitigkeit. Harrer ist ausgewiesene Nahost-Expertin, spricht Ivrit und Arabisch und benutzt Quellen von beiden Seiten. Sie unterliege höchstens vielleicht manchmal dem Mechanismus, dass Israel als Demokratie Kritik zulässt, jedoch in arabischen Ländern aber auch in den palästinensischen Autonomiegebieten kaum Kritik und Opposition vorhanden oder möglich ist.

Auch auf einen weiteren Einwand, dass es doch auch bekannte palästinensische Kritiker außerhalb Israels/Palästina gebe, die in anderen Medien zu Wort kommen würden, im Standard jedoch nicht, kann Bronner nicht nachvollziehen. Substantielleres wurde zu diesen Punkten nicht gesagt.

Zum Weiterlesen:
- Sehr empfehlen kann ich folgenden Text aus dem Datum 10/08:
Klaus Stimeder, Eva Weissenberger Der Junge aus Haifa (Auszug aus der Bronner-Biografie Trotzdem)